International Office

Ein Auslandsaufenthalt in Zeiten von Corona? Vier Med Uni Graz-Studierende, die ihren Auslandsaufenthalt trotz Corona gestartet oder fortgesetzt haben, und aktuell in Frankreich, Lettland, Mexiko und Kanada studieren, famulieren, Praktika absolvieren und forschen, berichten von ihren Erfahrungen. Wir haben sie gefragt, warum sie trotz der Pandemie ins Ausland gegangen oder dort geblieben sind, wie ihr Alltag vor Ort aussieht, ob Corona sogar etwas Positives mit sich gebracht hat und was sie anderen Studierenden raten würden, die vor der Entscheidung stehen, ins Ausland zu gehen.

 

Teil 2 – Forschungsaufenthalt in Kanada

Kurz vor Abschluss des Medizinstudiums an der Med Uni Graz absolviert Lisa ein einjähriges Forschungspraktikum im kanadischen Montréal und studiert und forscht seit Jänner 2020 an der McGill University, wo sie an einer umfangreichen Kohortenstudie, die bereits seit 16 Jahren läuft, mitarbeitet. Trotz Zweifel entschied Sie sich, ihren Aufenthalt in Kanada nicht abzubrechen.

Haben Sie überlegt, nach Hause zurückzukehren? Warum haben Sie sich dazu entschieden, vor Ort zu bleiben?

Definitiv. Ich habe lange damit gehadert, den Auslandsaufenthalt abzubrechen, aber der Austausch war für ein Jahr anberaumt und ich hatte keinen Plan B. Zudem hatte ich vorab sehr viel Energie in die Organisation gesteckt. Die kanadischen Behörden haben die Grenzen dicht gemacht. Ich wusste also, dass ich nicht zurückkommen könnte, wenn ich das Praktikum erst mal abgebrochen hatte. Natürlich hatte ich das Bedürfnis, in solch schweren Zeiten bei Familie und Freunden zu sein. Rein objektiv muss man allerding sagen, dass Kanada nicht so hart getroffen wurde wie Österreich. Für den Großteil der Zeit war es hier sicherer als in Österreich. Die McGill Universität leistet Außerordentliches, informiert die Studenten täglich und bietet umfangreiche Leistungen an. Der starke Rückhalt der Universität hier sowie die Unterstützung meiner Betreuerin und des gesamten Teams haben mir genügend Sicherheit gegeben, um trotzdem weiterzumachen.

Wie war die COIVD-19 Situation im März für Sie vor Ort?

Die Entwicklung hier ist zeitverzögert zu jener in Europa. Beunruhigt beobachteten wir die Geschehnisse jenseits des Atlantiks. Man wusste, dass es früher oder später auch hier ankommen würde. Diese Ruhe vor dem Sturm war sehr speziell. Ich war damals bereits voller Sorge um Familie und Freunde. Ende März ging es Schlag auf Schlag, da viele Studenten das Virus nach den Semesterferien aus den USA eingeschleppt hatten. Freitag waren wir noch alle am Institut und haben die Durchführung der nächsten Datenerhebung unter möglichen COVID-Einschränkungen geplant und Samstag war plötzlich alles anders. Von einem Tag auf den anderen wurde alles auf distance-learning/working umgestellt und Montag durfte niemand mehr ins Büro. Im Supermarkt spielten sich Klopapier-Kriege ab und die Stadt wirkte von einem Tag auf den anderen menschenleer. Jeder der konnte, flüchtete aus der Millionenstadt. Studenten packten ihre Sachen und reisten nach Hause, jeder der einen Zweitwohnsitz am Land hatte, kehrte der Stadt den Rücken zu. Vor allem zu Beginn brach im Studentenwohnheim eine unterschwellige Panik aus, da man hörte, dass die Studenten in Amerika teilweise vor die Tür gesetzt wurden. Die Universität hier leistet jedoch Enormes und hat immer sehr transparent über die Entwicklungen berichtet. Besonders beeindruckend ist für mich, wie sehr man sich hier um das psychische Wohlbefinden der Studenten sorgt. Von student counselling bis hin zu wöchentlichen Zoom-Meetings zur Erhaltung sozialer Kontakte wird hier immer Abwechslungsreiches angeboten. Es gibt einen universitätseigenen Podcast, Sport- und Meditationskurse sowie über 10.000 e-books und e-audiobooks, die kostenlos freigeschalten wurden, um die Freizeitgestaltung der Studenten zu unterstützen. Da alle Kurse online abgehalten werden, wurden viele davon für alle Studenten zugänglich gemacht, was mir die Möglichkeit bietet, Lehrveranstaltungen renommierter Professoren mitzubelegen.

Wie sieht Ihr Alltag in Kanada aus? Wodurch unterscheidet er sich von einem „normalen“ Aufenthalt, wie Sie ihn sich ursprünglich erwartet hätten, hätte es Corona nicht gegeben?

Naja, normal ist hier seit März eigentlich gar nichts mehr. Im Gegensatz zu Österreich läuft in Kanada seit März nur ein reduzierter Betrieb. Es gibt keine on-campus Lehrveranstaltungen, die Datenerhebung der Langzeitstudie, bei der ich mitwirken hätte sollen, wurde Corona-bedingt eingestellt und das Forschungsteam darf sich nur online treffen. Das schränkt den Alltag beruflich und privat natürlich beträchtlich ein.

Was wäre aus Ihrer Sicht besser, wenn Sie zu einer „coronafreien“ Zeit in Kanada wären?

Diese Frage stellt sich für mich nicht. Ich habe schon viele Auslandsaufenthalte hinter mir, und – ganz wertfrei gesagt - ist keiner genau so geworden, wie ich es mir vorab vorgestellt habe. Was ich aber im Vergleich zu anderen Auslandpraktika merke, ist dass das Netzwerken und Freunde Finden sehr schwer bis gar nicht möglich ist. Das ist sehr schade, denn das ist mitunter einer der wertvollsten und langanhaltendsten Aspekte eines Auslandaufenthaltes. Ich durfte Bekanntschaften mit tollen Persönlichkeiten machen, mit denen ich auch nach wie vor in Kontakt stehe. Aber seit März habe ich nicht wirklich viele neue Kontakte knüpfen können. Das ist schon betrübend. Außerdem wäre mein Praktikum wahrscheinlich nicht so theorielastig geworden und wir hätten zu all den geplanten Konferenzen reisen können.

Hat Corona Ihren Auslandsaufenthalt auch in irgendeine Richtung positiv beeinflusst?

Die Pessimistin in mir schreit laut nein; aber es ist unmöglich zu beurteilen, wie sich der Aufenthalt ohne die Pandemie entwickelt hätte. Die Idealistin in mir ist überzeugt, dass man aus jeder Erfahrung etwas Wertvolles schöpfen kann. Auch, wenn vieles ganz anders gekommen ist und ich weder in der Lage war, viele neue Menschen zu treffen noch das eindrucksvolle Land zu durchreisen, habe ich hier eine Betreuerin an meiner Seite, die mich in dieser schweren Zeit nicht nur beruflich, sondern vor allem auch privat unfassbar unterstützt hat. Ich glaube nicht, dass unser Verhältnis so persönlich und freundschaftlich geworden wäre, wenn wir nicht in solch einer Ausnahmesituation zueinander gefunden hätten. Ich durfte schon so viel von ihr lernen und werde den Kontakt sicher auch nach meinem Praktikum hier aufrechterhalten. In einer Zeit, in der ich quasi auf mich alleingestellt in einem fremden Land (über-)leben musste, war sie weit über ihre beruflichen Verpflichtungen hinaus immer für mich da und hat mir das Gefühl von Heimat, Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. In ihr habe ich nicht nur ein Vorbild, sondern eine Mentorin gefunden - das verbuche ich durchaus als positiv und wertvoll - das muss sogar die kleine Pessimistin in mir zugeben.

Was würden Sie Studierenden raten, die gerade vor der Entscheidung stehen, sich für einen Auslandsaufenthalt zu bewerben?

Über diese Frage habe ich lang nachgedacht. Aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich momentan niemandem mit ruhigem Gewissen einen Auslandsaufenthalt empfehlen, zumindest nicht in Kanada. Das alltägliche Leben ist stark eingeschränkt, was vor allem in einer sonst so lebhaften Metropole wie Montréal deutlich spürbar ist. Und die Erfahrung alleine, ohne Familie und Freunde, in einem fremden Land zu sein, in einer Zeit, in der so vieles ungewiss ist, wünsche ich niemandem. Wenn man mal in einer Situation drinsteckt, schafft man oft mehr als man sich zugetraut hätte, aber ich glaube nicht, dass man aus einem Auslandaufenthalt momentan den Mehrwert ziehen kann, der es unter normalen Umständen so reizvoll macht zu reisen.

Gibt es sonst noch etwas, das Sie uns sagen möchten?

Es ist, wie es ist, aber es wird, was du daraus machst.

 

 

  • TEXT
  • TEXT
  • TEXT
  • TEXT
  • TEXT